John Cage

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John Cage gilt als einer der bedeutendsten Komponisten des 20. Jahrhunderts. Seine Versuche, die Regeln und Restriktionen der abendländischen Musik zu sprengen und auf vielfache Weise Zufallsprinzipien zur Geltung kommen zu lassen, haben ihn berühmt gemacht. Was hat er dennoch in einem Wald-Blog zu suchen? John Cage ist in allen Ohren – der amerikanische Komponist wäre am 5. September 100 Jahre alt geworden und die Radiosender überschlagen sich derzeit mit Aufführungen seiner Werke und mit Features über sein Leben. Cage war Komponist, Maler und Schriftsteller - und er war Mykologe, also Pilzkundler und das durchaus von Rang. Die Anfänge dieser Passion hatten, wie er es in den berühmten „mushroom talks“ von 1986 erzählt, ganz handgreifliche Gründe. Es war die Zeit der großen Depression in den USA, und Cage, ohne Einkommen in der kalifornischen Provinz gelandet, unternahm zeitweise den Versuch, sich mangels Geld von Pilzen zu ernähren. Es war ein gewagtes Unterfangen, denn bei allem Wohlgeschmack sind Pilze ernährungsphysiologisch eher Beiwerk; ihr Proteingehalt ist gering und Cage musste die Erfahrung machen, dass er innerhalb von nur einer Woche schwächer und schwächer wurde. Von dieser Zeit an war er gleichwohl den Pilzen verfallen, und wie er es später mit etlichen anderen Themen machen sollte (dem Zen-Buddhismus etwa) ging er bald darauf das Thema grundsätzlich an. Er suchte Kontakt zu Pilzkennern und entwickelte sich zu einem anerkannten Fachmann auf diesem Gebiet, wurde zum (eigentlichen) Gründervater der New York Mycological Society und war in entsprechend interessierten Kreisen lange Jahre durchaus nicht als Komponist, sondern als mykologische Koryphäe bekannt. Nun kann man ja versuchen, Spuren und Sporen seiner mykologischen Interessen in seiner Musik zu finden. Sie mögen da sein, etwa in seiner Idee, die Stille zum musikalischen Gegenstand zu erheben, denn was ist stiller als ein einsamer Pilzsucher im Wald, umgeben von Zufallsgeräuschen, wie sie etwa in Cages legendärer Komposition „4.33“ eine wichtige Rolle spielen, während der Musiker still vor seinem Instrument verharrt. Oder das Konzept des nicht planbaren Zufalls, das die Suche nach Pilzen in der freien Natur ganz sicher getreulich abbildet. Und so mancher Verächter der zeitgenössischen Musik mag gar vermuten, dass da auch wohl auch so manch ein „magic mushroom“ mit im Spiel gewesen sein muss (was Cage zu recht weit von sich gewiesen hätte, wie jede Beziehung zwischen seinen mykologischen und seinen kompositorischen Interessen. „I am not interested in the relationships between sounds and mushrooms any more than I am in those between sounds and other sounds“ stellte er 1981 in der New York Times klar). Das Thema Pilze hat dennoch ganz konkret in Cages Lebenswerk eine Rolle gespielt. Da gibt es das „mushroom book“, eine Sammlung von Lithographien und Zeichnungen, die von literarischen Texten aus der Feder des Komponisten durchsetzt sind. Und es gibt, berichtet die Internetseite kulturwest.de, ein „recht vergessenes“ Klavierstück für präpariertes Klavier, das Cages Hauspianist David Tudor ein einziges Mal aufgeführt haben soll. Die Partituranweisung klang wie folgt: „Geh hinaus in die Felder und Wälder und suche Dir einen Pilz. Bring ihn in die Küche, in die Du zuvor Dein Klavier bugsiert hast. Zähle die Lamellen des Pilzes (im Fall einer Morchel die Löchlein). Ihre Anzahl ergibt die Takte des Stücks. Miss sodann seine Stängellänge in Zentimetern. Sind sie durch drei teilbar, ist das Stück im 3/4-Takt, sind sie durch zwei teilbar, spiele im 4/4-Takt. (Geht beides, liegt die Wahl bei Dir). Alle anderen Parameter des Stücks bestimmst Du selbst. Der Pilz kommt dann in den Ofen (bei 100°C). Sobald er zu kochen anfängt, beginne zu spielen.“

Es endete, berichtet kulturwest.de, in einer Pilzvergiftung – Tudor hatte einen Fliegenpilz erwischt, und so blieb es, nachdem sich der Pianist wieder erholt hatte, bei einer einzigen, nie wiederholten Aufführung. Eine Würdigung des Mykologen John Cage finden Sie hier:
www.thelmagazine.com/TheMeasure/archives/201209/05/j/ohn-cage-and-mushrooms

Einen (leider sehr nur kurzen) Ausschnitt aus den „mushroom talks“ von 1986 finden Sie hier: www.wdr3.de/open-studio-akustische-kunst/details/28.09.2012-23.05-mushroom-talk.html

Den Artikel über „Sounds and mushrooms“ von Edward Rothstein, eine Rezension des Buches „For the Birds“. John Cage in conversation with Daniel Charles (1981) finden Sie hier: www.nytimes.com/1981/11/22/books/sounds-and-mushrooms.html?pagewanted=all

Die Anekdote um das Stück „mushroom music“ für präpariertes Klavier wird hier berichtet:
www.kulturwest.de/specials/detailseite/artikel/mycological-nrw/

Posted on 21. September 2012

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