Mit der Schildkröte in den Wald

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„1839 war es elegant, beim Promenieren eine Schildkröte mit sich zu führen. Das gibt einen Begriff vom Tempo des Flanierens in den Passagen.“
So beschrieb Walter Benjamin in seinem Passagenwerk vor dem Hintergrund der Industrialisierung die Veränderung der Wahrnehmung durch eine neue Erfahrung von Zeit. Motorisierung war in diesem Kontext Anlass, um die eigene Beobachtung von Zeit zu beobachten: indem die Welt vom Sitz eines motorisierten Gefährts zu einem fließenden Bild wurde, wurde Bewegung zu Erfahrung.

Der durch die Pariser Passagen flanierende Dandy wurde zu einer Metapher für die Zeiterfahrung einer neuen, einer schnelleren Welt. Aus dem Rhythmus eines Spaziergängers oder eines Flaneurs entstand somit ein geschärfter Blick für Details. Eine vergleichbare Entwicklung scheint sich aus der Urbanismuskritik gegen Ende des 20. Jahrhunderts entwickelt zu haben: aus der Beobachtung des Wandels von Stadtbildern formierte sich die Spaziergangswissenschaft.
Lucius Burckhardt war Begründer der sogenannten Promenadologie, die das Phänomen einer wachsenden Ästhetisierung der Umwelt mit ihrer zugleich aufkommenden Kritik einer „Verhässlichung der Umwelt und die Zerstörung der Landschaft“ untersucht. So beschreibt es Burckhardt selbst in Promenadologische Betrachtungen über die Wahrnehmung der Umwelt und die Aufgaben unserer Generation (1996).
Im Rahmen seiner Forschungen der Spaziergangswissenschaften widmete sich Burckhardt auch der Wald- und Landschaftssituation als einem Ort, der über seine eigenen Grenzen hinausweist. „Vor dem Eisenbahnzeitalter aber wurde Landschaft ganz anders erlebt: Der Weg war so wichtig wie das Ziel“, so Burckhardt. Da die Stadtanlage des 19. Jahrhunderts im Laufe städtebaulicher Veränderungen aufgehoben wurde, sei es nun Aufgabe der jeweiligen Orte, ihre Logik in sich selbst zu begründen. Oder wie Burckhardt es am Beispiel „Park“ formuliert, muss dieser seine „promenadologische Erklärung geben: Du kommst von der Stadt in den Park.“

Die Kunsthochschule Kassel veranstaltet am 17. Mai eine Lucius Burckhardt Convention. Der 2003 verstorbene Burckhardt lehrte von 1972-1997 als Professor für Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung an der Universität Kassel.
Auf der diesjährigen Architekturbiennale von Venedig stehen das Werk von Lucius Burckhardt und Cedric Price im Mittelpunkt der von Hans Ulrich Obrist kuratierten Ausstellung im Schweizer Pavillon.

Auch unsere Arbeit im ECHTWALD lässt sich in Hinblick auf die Forschung Lucius Burckhardts und der Promenadologie betrachten: durch das Pflanzen natürlicher Baum- und Pflanzenbestände führen wir das angelegte Forstgebiet zurück in einen ursprünglichen, einen vielfältigen Wald, der die Schönheit der Schwarzwaldregion und ihre natürliche Umgebung reflektiert. Bei einem Spaziergang durch den ECHTWALD können unsere Besucher ihre eigene Wahrnehmung einmal auf den Prüfstand stellen und den ECHTWALD auf seine promenadologischen Qualitäten hin befragen.

Geschrieben am 12. Mai 2014